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Tag eins: Ein Winter bei zwölf Grad

4. Juni 2010

Wie sieht eigentlich der Winter in Afrika aus? Seit heute wissen wir es: wie eine Open-Air-Installation von Olafur Eliasson. In dessen Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau gibt es einen Raum, der so sehr mit künstlichem Nebel geflutet ist, dass Menschen wie Traumgestalten an einem vorüber huschen. Auf dem Signal Hill, einem der Bergkämme, der quer über Kapstadt thront, sah es heute nachmittag genauso aus. Eigentlich hatten wir im Sinn gehabt, uns das WM-Stadion von da oben anzusehen. Dazu ist es nicht gekommen. Wir konnten froh sein, dass wir nach dem Fototermin unser Auto wieder gefunden haben.

So mussten wir an anderer Stelle nach Anzeichen dafür suchen, dass heute in einer Woche die WM eröffnet wird. Zum Beispiel am Stadion selbst. Dort angekommen, man muss es einfach so sagen, hatten wir allerdings nicht das Gefühl, vor einem komplett neu erbauten Fußballstadion zu stehen, bei dessen Anblick die Welt in der kommenden Woche gefälligst den Atem anzuhalten hat. Sondern vor einem Parkhaus, das leider etwas windschief geraten ist. Seine Attraktivität bezieht diese betongraue Schüssel einzig daraus, dass genau daneben Teile des alten Greenpoint-Stadions stehen gelassen worden sind. Und wie es sich für Reporter geziemt, die keiner Gefahr aus dem Weg gehen, haben wir die halbverfallene Tribüne erklommen und uns sogar der Gefahr ausgesetzt, von Tauben vollgeschissen zu werden, um das WM-Stadion in Szene zu setzen. Doch auch hier: Von WM-Euphorie noch keine Spur.

Dafür muss man schon das Autoradio einschalten. Dort aber gibt es praktisch kein anderes Thema, über das die Moderatoren sprechen. Und das in einer Weise, dass man meinen könnte, sie wollten allein mit ihrer Stimme die Nebelschwaden aus dem Land blasen: „ONLY SIX DAYS TO GO! WIN ONE MILLION RAND!“ Das Knie von Rio Ferdinand, der Besuch des südafrikanischen Teams bei Nelson Mandela, Spekulationen darüber, ob er bei der Eröffnungsfeier auf der Tribüne stehen wird – wenn es nach der Aufgeregtheit der UKW-Lautsprecher geht, könnte das Turnier morgen losgehen.

Das allerdings wäre für die Verantwortlichen die größtmögliche Katastrophe: Sie scheinen bei ihren Vorbereitungen mit derselben Präzision vorzugehen wie die Trainer der Nationalmannschaften: Sie lassen bis zur allerletzten Sekunde an den Vorbereitungen arbeiten. Auf den Highways staut sich ein Stau an den anderen, weil die Bauarbeiter hier noch ein Loch flicken und dort eine Fahrbahn reparieren. Vor dem WM-Stadion in Kapstadt werden noch eilig Blumenzwiebeln in die Erde gestopft und im Scanner-Zelt, durch das in einer Woche die Journalisten geschleust werden, die Maschinen entpackt. Erst der Anpfiff des Eröffnungsspiels wird für die Bauarbeiter den Abpfiff bedeuten. Dann  werden sie sich den letzten Dreck von den Händen wischen, unter ihren Blaumännern das gelbe Bafana-Bafana-Trikot herauskramen und für ihre Mannschaft tröten. Nebenbei: Wir haben heute die erste Vuvuzela gehört. In einer Shopping-Mall. Sie klingt tatsächlich wie die Blähung eines Elefanten.

Die Mitarbeiter der Dienstleistungsbranche haben es da leichter: Sie dürfen ihre Trikots jetzt schon zur Schau stellen. Genau genommen tun sie das bereits seit Beginn des Jahres: Freitag ist „Soccer Day“. Seit einem halben Jahr ist jeder Südafrikaner angehalten, freitags im Trikot zur Arbeit zu erscheinen, egal in welchem. Trotzdem haben wir heute fast nur die des Gastgebers gesehen. So wie bei Julius, dem freundlichen Herr aus dem Vodacom-Shop, der sich für das Foto allerdings bemüht hat, so entschlossen wie möglich zu gucken. Es werde nicht einfach werden für Südafrika, sagte er. Er hoffe einfach auf die zweite Runde. Sagt´s und fängt auf eine Weise zu lachen an, wie es nur Menschen tun, die wissen, dass die Hoffnung eine Pflanze ist und der Optimismus ihr Dünger.

Und wo wir schon beim optimistischen Blick in die Zukunft sind: Auch wir haben uns ambitionierte Ziele gesetzt. Wir wollen bis zu unserer Rückreise in sechs Wochen zehn Tonbildschauen produzieren, jeden Tag einen Bericht verfassen samt betörend schöner Fotos und damit 5000 Menschen in unsere Facebook-Gruppe lotsen. Die ersten 35 sind schon da. Wenn Ihr also jemanden kennt, der jemanden kennt, der in diese Facebook-Gruppe passt wie Nebel in den Kapstädter Winter: Sagt ihm sofort Bescheid. Es gibt dafür nach unserer Rückkehr auch ein Eis.

In diesem Sinne: Bafana, Bafana!
Frey & Schächtele

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2 Kommentare zu 'Tag eins: Ein Winter bei zwölf Grad'

  1. Oliver Wurm sagte am 4. Juni 2010 um 22:06 Uhr:

    damit das hier mal losgeht, halte ich jetzt den rand (achtung wortspiel) und spende ins phrasenschwein. grüß gott

  2. Christian Ide sagte am 29. Juni 2010 um 13:58 Uhr:

    Einen super Blog habt Ihr hier aufgebaut. Sehr lesens-, hörens- und sehenswert.

    Den Link zur Facebook-Gruppe solltet Ihr aber nochmal etwas prominenter platzieren. Außer in diesem Blog-Artikel habe ich ihn noch nicht entdecken können.

    Viele Grüße aus dem heißen Deutschland
    Christian

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