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Tag zehn: Die Mahnmale der Zügellosigkeit und eine Sprachlektion

14. Juni 2010

Wir haben uns unter anderem auf den Weg nach Südafrika gemacht, um herauszufinden, was die WM aus diesem Land macht. Eine Antwort können wir jetzt schon geben: Sie macht es ärmer. Genauer gesagt: noch ärmer. Die Kosten für die Modernisierungsarbeiten am Soccer City-Stadion in Johannesburg zum Beispiel, in dem Südafrika am Freitag einen so mitreißenden Start in dieses Turnier hingelegt hat, waren ursprünglich angesetzt auf 220 Millionen Rand, das sind umgerechnet über 23,5 Millionen Euro. Für ein Land, in dem Millionen von Menschen in Hütten leben, die wie aufeinander geworfene Schuhschachteln aussehen, ist das eigentlich ohnehin schon eine kaum zu verantwortende Investition. Wie viele Häuser könnte man von diesem Geld bauen, wie viele Wasserleitungen verlegen und wie viele Toiletten installieren. Gut, könnte man sagen, das ist eben der Preis, den ein Land zu bezahlen hat, wenn es eine WM ausrichten möchte. Doch im Falle des Soccer City-Stadions war der Preis noch viel höher: Die Kosten beliefen sich am Ende auf unvorstellbare 3,3 Billionen Rand. Es war das Verdienst der Wochenzeitung Mail & Guardian, solche Fakten ans Licht zu bringen. Das Budget ist um mehr als Zehnfache überzogen worden. Für ein Stadion, das nun vier Wochen lang strahlt – und danach kaum noch gebraucht wird. Die südafrikanische Fußballliga ist in ihrem Zuschauerzuspruch in etwa mit der österreichischen vergleichbar: Wer braucht da noch ein Stadion mit einer Kapazität von 94 700 Zuschauern?

Nicht die Fifa wird am Ende die Zeche dafür zahlen, nicht die nationalen Verbände, die ihre Mannschaften hierher entsandt haben, und nicht die Werbepartner. Es sind die Südafrikaner, deren Steuern in prunkvolle Fußballtempel geflossen sind, die nach der WM wie Mahnmale der Zügellosigkeit zurückbleiben werden. Wir haben in den vergangenen Tagen mit vielen Südafrikanern gesprochen, die für dieses Turnier keinen Funken Begeisterung aufbringen können. Nicht, weil sie sich nicht für Fußball interessieren würden, sondern, weil sie so verbittert sind über die Ungerechtigkeit, die mit der Ausrichtung dieser WM einhergeht. „Nein, ich interessiere mich kein bisschen für dieses Turnier“, sagte zum Beispiel William, der uns heute nach dem Besuch in der Moschee auf einen Kaffee besucht hat (er ist der Schwager von Neil). „Und ich will kein einziges Spiel sehen. Hier leben die Menschen auf engstem Raum, die nicht wissen, was sie abends essen sollen. Und die Regierung hat unser Geld zum Fenster rausgeworfen, um neue Stadien zu bauen, die danach niemand mehr brauchen wird.“ Der Stolz der Südafrikaner darauf, dass die ganze Welt nun auf sie blickt, auf der einen Seite und die Verbitterung darüber, zu welch hohem Preis sie sich diese Aufmerksamkeit erkauft haben, auf der anderen: Dies sind die Pole, zwischen denen sich diese Weltmeisterschaft abspielt.

Und dann fährt man nachmittags ins Township Mfuleni, etwa 30 Kilometer vom Zentrum Kapstadts entfernt, und sieht, was der Fußball trotz allem bewirken kann. Wir haben ein Turnier besucht, das auf dem Gelände des Powerchild-Campus stattfand, mitten im Township mit der zweithöchsten Mordrate Kapstadts. Der Campus wird betrieben vom Münchner Verein Power-Child, und es war der Bayerische Fußballverband, der das Turnier für Kinder aus dem Township ausrichtete und zum Schluss weiß-blaue Wimpel mit dem Verbandslogo verteilen ließ. Die Kinder aus Mfuleni sollen schließlich wissen, dass der Fußballgott eigentlich ein Bayer ist.

Der Campus und seine nebenan liegenden Fußballplätze sind inzwischen zu einem festen Bestandteil der Gemeinde geworden. Hier werden Kinder betreut, die Opfer sexueller Gewalt geworden sind. Sie lernen die Grundregeln von Hygiene kennen und können auch hier schlafen, wenn es notwendig ist. Über ein Jahr musste Astrid Gräfin Schimmelpenninck, die Leiterin des Campus, darum kämpfen, von der Gemeinde akzeptiert zu werden. Der Fußballplatz hat ihr dabei geholfen. Erstens, weil die Kinder allein deshalb gern dorthin kommen, um zu kicken, und den pädagogischen Stoff gewissermaßen in der Halbzeitpause mit auf den Weg bekommen. Und zweitens, weil inzwischen sogar die Fußballmannschaft der örtlichen Polizeieinheit dort trainiert. Als die Menschen in Mfuleni das sahen, wussten sie, dass sie ihre Kinder ruhigen Gewissens zu Schimmelpenninck und ihren Mitarbeiterinnen schicken können.

Und weil wir nicht nur nach Südafrika gekommen sind, um den Vorhang zu lüften, sondern auch, um etwas zu lernen, haben wir zum Schluss unseres Besuchs in Mfuleni Pumsa Fanape gebeten, uns eine kleine Sprachlektion zu erteilen: in Xhosa, der weit verbreitetsten Sprache unter der schwarzen Bevölkerung. Bitte gut aufpassen und repetieren, nach unserer Rückkehr wird abgefragt.

Eine Sprachlektion mit Pumsa Fanape from Frey&Schaechtele on Vimeo.

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5 Kommentare zu 'Tag zehn: Die Mahnmale der Zügellosigkeit und eine Sprachlektion'

  1. Verena sagte am 14. Juni 2010 um 16:01 Uhr:

    Lieber Kai und Kollege Frey!!!
    Ein wirklich spannendes Vorhaben – es macht Spaß über Eure Eindrücke zu lesen, das Erlebte anzuschauen und zu die O-Töne zu hören!!! Eben jenseits des Vuvuzela-sind-zu-laut-Gejammers in den Medien hier! Bleibe am Ball ;-) ) Verena

  2. [...] zu der Mannschaft, die das Mädchenturnier auf dem Powerchild-Campus gewann, von dem wir hier schon einmal erzählt haben. Die Entscheidung fiel, wie es sich zu Zeiten der Weltmeisterschaft gehört, erst im [...]

  3. [...] suchen während ihrer Reise im Auto von Kapstadt nach Johannesburg Antworten auf ihre Fragen, z.B. was die WM aus Südafrika macht. Unterwegs fangen sie viele Eindrücke ein. Das tolle an dem Blog: Die beiden lassen ganz normale [...]

  4. [...] Leidenschaft für Fußball die Südafrikaner eint und trennt. Wie die Weltmeisterschaft ein Glücksfall und eine ungeheure Belastung ist für dieses Land und seine [...]

  5. [...] Johannesburg einen Ehrenplatz: direkt unter dem Rückspiegel an der Kordel, mit der wir den Wimpel des Bayerischen Fußballverbandes und unsere Discokugel befestigt haben, mit der wir unser WM-Mobil geschmückt haben. Die Kordel [...]

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