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Tag 15: Die Hymne von Walmer

19. Juni 2010

Es war nicht das Spiel, das uns am Ende ein Loch in die Magengrube gefressen hat. Es waren die Kids aus Walmer, die noch lange nach Spielschluss verloren herumstanden und nicht wussten, wohin mit sich und ihrer Enttäuschung. Wir waren gestern im Stadion von Port Elizabeth, um uns das Spiel Deutschland gegen Serbien anzusehen, gemeinsam mit etwa 40 Jugendlichen aus Walmer, die ihre Karten Spendern aus Deutschland zu verdanken hatten (mehr dazu am Dienstag, hinter dieser Spendenaktion verbirgt sich eine sehr reizende Geschichte). Am Vormittag hatten sie sich im Masifunde-Center in Walmer getroffen, voller Vorfreude darauf, zu einem WM-Spiel zu fahren. Deutschland gegen Serbien – die Heimat der Masefundi-Mitarbeiter gegen ein Land, von dem die meisten bis dahin gar nicht gewusst hatten, dass es existiert.  Für sie war die Sache deshalb klar: Deutschland würde dieses Spiel locker nach Hause fahren, hatten sie doch im Auftaktspiel die Australier schon mit vier Toren vom Platz gewischt. Und so gerieten schon die Vorbereitungen zu einem würdigen Warm-Up: Die Mädchen bemalten sich die Wangen, die Jungs übten die deutsche Nationalhymne. Oder zumindest das, was sie davon aussprechen konnten.

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Schließlich wollten alle zusammen Podolski, Klose und Schweinsteiger so feiern, als wären es Spieler der südafrikanischen Nationalelf. Und dann erlebten sie nur zwei Tage nach dem deprimierenden 0:3 ihrer Jungs gegen Uruguay, wie auch die deutsche Mannschaft einen Tag erwischte, der von vorn bis hinten unter einem schlechten Stern stand. Gelb-rote Karte, im Gegenzug das Gegentor, ein Lattentreffer und ein verschossener Elfmeter – das einzig Schöne an diesem Nachmittag war das Wetter. Wir saßen im T-Shirt auf der Tribüne, bei strahlend blauem Himmel, und als wir nach nach Spielende aus dem Stadion kamen, blickten wir auf den glitzernden Ozean. Aber auch dieser Anblick konnte die Enttäuschung der Jugendlichen nicht lindern. Umso reizender war das, was sie uns auf dem Weg ins Stadion erzählt haben. Wir werden ihre Geschichten am Dienstag in einer neuen Ton-Bild-Reportage präsentieren. Und am Tag davor, am Montag, werden wir hier unsere Reportage aus dem Kapstädter Township Delft zeigen, gewissermaßen als Einstimmung auf den mutmaßlich letzten Auftritt der Südafrikaner bei dieser WM in der kommenden Woche.

Wo wir schon dabei sind, ein paar Takte über den unterschiedlichen Umgang mit einer Niederlage. Wir saßen in der deutschen Kurve, unter Fans, die zum Teil extra aus Deutschland angereist waren und zum anderen Teil hier leben. Nach dem Spiel setzte bei vielen Deutschen das rituelle Gemaule über den Spielverlauf ein: Löw habe beim Wechseln alles falsch gemacht, Podolski und Özil hätten überhaupt nichts gebracht – dieselben Leute haben sich nach dem Australienspiel bestimmt alle noch in den Armen gelegen, als Podolski das eins zu null ins Netz gezimmert hatte. In unserem Block saßen aber auch viele Südafrikaner, die sich einfach ein WM-Spiel hatten ansehen wollen und zufälligerweise Tickets für dieses Spiel bekommen hatten. Einer davon trug das gelbe Bafana, Bafana-Trikot der Südafrikaner, über seinen Kopf hob er ein Schild, auf dem stand: „We lost 0:3 – but we are still feeling it.“ Kann man sich eine würdevollere Haltung im Moment der Niederlage vorstellen? Wir sind inzwischen seit über zwei Wochen unterwegs in diesem Land. Und wir können sagen: Wir spüren es auch noch.

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