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Tag 18: Was man in Berlin über den Charakter Südafrikas lernt

21. Juni 2010

So wie man an den Schuhen, die ein Mann trägt, sein Wesen erkennt, lässt sich an der Beziehung, die ein Land zum Fußball entwickelt hat, dessen Charakter ablesen. Die Österreicher etwa sind ein Volk, das durchdrungen ist von melancholischer Schwere, und so ist auch ihr Verhältnis zum Fußball eines, in dem sich helle Begeisterung mit düsterer Traurigkeit paart. Die Engländer tragen schwer daran, nur noch ein Schatten ihrer selbst zu sein, in der Weltordnung genauso wie auf dem Fußballplatz, erst recht bei dieser Weltmeisterschaft. Und wir Deutschen legen großen Wert auf Ordnung und Organisation und freuen uns über einen Sieg unserer Nationalmannschaft unabhängig davon, wie er zustande kam. Jedes Land, in dem der Fußball zu einem Teil nationaler Identität geworden ist, hat sein individuelles Verhältnis zu diesem Sport kultiviert. Für den Gastgeber dieser Weltmeisterschaft, für den am Dienstag nachmittag gegen 17 Uhr 45 mit dem Spiel gegen Frankreich aller Voraussicht nach auch dieses Turnier abgepfiffen sein wird, gilt das nur eingeschränkt: Der Sport ist nur für den schwarzen Teil dieses Landes identitätsstiftend. Aber auch das sagt viel aus über den Charakter Südafrikas.

Wir haben heute Station gemacht in Berlin, einem kleinen Nest im Nichts zwischen Port Elizabeth und Durban. Wer dorthin will, muss sich Kilometer um Kilometer auf der Fernstraße N2 voran arbeiten, gelegentlich warnen Straßenschilder vor kreuzenden Warzenschweinen, immer wieder tauchen Blechhüttensiedlungen am Horizont auf. Zola Williams, der Protagonist unserer Ton-Bild-Reportage von gestern, stammt aus genau dieser Gegend. Er hat in Eastern Cape seinen Schulabschluss gemacht und nach Arbeit gesucht, doch irgendwann musste er erkennen, dass er genauso viel Sinn hätte, hinter seiner Hütte ein Loch zu graben, um nach Öl zu bohren. Erst wenn man selbst sieht, wie wenig Leben es in dieser Gegend gibt, versteht man, warum so viele Menschen in die Großstädte ziehen, um dort nach Arbeit, Geld und Lebenssinn zu suchen. Mitten in dieser schier endlosen Weite liegt Berlin, ein Städtchen von 45 000 Einwohnern, wenn man alle Farmen und Hüttensiedlungen in der Umgebung mitzählt. 80 Prozent der Einwohner sind schwarz, 20 weiß. Mit anderen Worten: Für ein Fünftel der Berliner macht es keinen Unterschied, ob die WM in Südafrika oder in Spitzbergen stattfindet.

Wir waren in Berlin mit zwei entzückenden Damen verabredet: Koleka Mankongolo (im Bild links) und Lindi Mguni. Beide hat es in diese Gegend verschlagen, weil sie Männer von hier geheiratet haben. Koleka betreibt in Berlin eine Farm und besitzt außerdem eine Tankstelle in der Gegend, Lindis Farm liegt in einem benachbarten Örtchen – in Frankfurt. Kennen gelernt hatten wir die beiden am Freitag im Stadion von Port Elizabeth, wo sie, ausgestattet mit dem Trikot der südafrikanischen Nationalmannschaft, einer Schirmmütze und einem Sommerhut, neben uns saßen. Sie hatten sich vorgenommen, sich nur die Mannschaften anzusehen, die ihre Spiele auch gewinnen würden, erzählt Koleka.

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“Wir wollten die Deutschen sehen, die Brasilianer und die Italiener. Wir hatten so gehofft, dass die Deutschen gut spielen würden. Aber wir waren so enttäuscht. Die sind ja nur über den Platz spaziert. Ach, waren wir enttäuscht.”

Für die Damen ist es eine Selbstverständlichkeit, diese WM nicht vor dem Fernseher zu verfolgen, sondern im Stadion. Es sei ein Wunder, dass dieses Ereignis nach Südafrika gekommen sei, sagen sie. Und sie wollen an diesem Wunder teilhaben, an der Atmosphäre im Stadion, an den Menschen, die aus aller Welt nach Südafrika gekommen sind, trotz aller Bedenken, trotz aller Warnungen. Dass so etwas in ihrem Land passieren konnte, das macht sie einfach stolz, sagt Lindi.

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“Natürlich sind wir stolz. Wir sind stolz, euch in unserem Land zu Gast zu haben. Wenn ich den Fernseher anschalte, sehe ich die vielen Besucher und ich sehe, wieviel Spaß sie haben. Und das macht mich glücklich und stolz. Ja, ich bin stolz. Und wir spüren die Begeisterung immer noch (Anmerkung: trotz der Niederlage der Südafrikaner). Gerade jetzt im Moment mit euch hier. Wir spüren es wirklich, das ist toll. Wir lieben das.”

Doch für die beiden geht die Bedeutung des Fußball über diesen Stolz hinaus. Sie haben miterlebt, wie die Schwarzen während der Apartheid von den Weißen aus den Städten getrieben wurden, weit weg in die Prärie, abgeschnitten von allem, was ihnen die Chance auf Wohlstand hätte bieten können. Seit jeher ist Fußball in Südafrika ein schwarzer Sport. Wer einmal erlebt hat, wie Schwarze über einen bloßen, auf den Selbstzweck beschränkten Übersteiger lachen, als hätten sie einen guten Scherz gehört, spürt, dass in diesem Sport all das steckt, was ihnen die Apartheid versagen wollte: die Lebensfreude, die Begeisterung für den Moment, das Zusammensein. Der Fußball ist Teil der schwarzen Identität, auch deshalb, weil sich Weiße für ihn nicht interessieren.

So wie Collin Krauser, der Metzger von Berlin (Mitte). Krauser ist hier geboren, seine Eltern sind Deutsche, seit 32 Jahren arbeitet er schon im Metzgergewerbe. Der weiteste Ort, den er von seiner Heimat aus bislang besucht hat, war Johannesburg. Nein, sagt er, von WM-Atmosphäre sei hier nichts zu spüren. Unter der Decke hängt zwar ein Fernseher, auf dem die Spiele laufen. Das macht er aber vor allem der Kundschaft wegen. Er selbst hat mit Fußball nicht viel am Hut. Er ist im weißen Südafrika groß geworden, nicht mit einem Fußball, sondern mit einem Rugby-Ei.

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“Als ich klein war, habe ich Rugby in der Schule gespielt. Es gab keinen Fußball in der Schule hier in Berlin, die ich besucht habe. Kein Fußball. Wir haben Rugby gespielt und das wars.”

Vor 16 Jahren ist Nelson Mandela zum ersten schwarzen Präsidenten Südafrikas gewählt worden. Doch die Gesellschaft ist längst noch nicht zusammengewachsen. Ihr Land sei eine Regenbogennation, sagen die Südafrikaner. Doch wenn man es genau nimmt, fließen auch in einem Regenbogen die Farben nicht ineinander, sondern bleiben sauber voneinander getrennt, vom Anfang bis zum Ende des Bogens. Am Dienstag nachmittag spielt nicht Südafrika gegen Frankreich – es tritt nur ein Teil Südafrikas an, auf dem Platz genauso wie in der Gesellschaft.

Update: Der aktuelle Stand unseres Unterstützer-Kontos: 786, 78 Euro (wer übrigens nicht auf unserer Unterstützer-Seite genannt werden, aber unsere Mission trotzdem mit einem Beitrag unterstützen möchte, oder kein Vertrauen in Paypal hat, melde sich, es gibt für jede Herausforderung die passende Lösung: schaechtele – at – me – Punkt – com). Und hier geht´s zu unserer Facebook-Gruppe.

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5 Kommentare zu 'Tag 18: Was man in Berlin über den Charakter Südafrikas lernt'

  1. Phil sagte am 22. Juni 2010 um 20:31 Uhr:

    Sehr schönes Blog habt ihr hier. Bin gestern drauf gestoßen und, obwohl man natürlich seltenst Zeit für solche Artikel hat, habe ich mich gestern gleich mal durch gelesen.

    Zum Thema Unterstützer: Habt ihr schonmal gedacht Flattr einzubauen?

  2. kaischaechtele sagte am 22. Juni 2010 um 20:45 Uhr:

    Hallo Phil, vielen Dank für das Kompliment. Und weil wir notorisch neugierig sind: Wie bist Du denn auf das Wintermärchen aufmerksam geworden? Herzlichen Gruß aus East London, Kai Schächtele

  3. Ali sagte am 23. Juni 2010 um 12:15 Uhr:

    Das ist aber ein schöner Blog, den ihr da eingerichtet habt. Da bin ich ja gleich ein bisschen neidisch, dass mir gar nicht die Idee mit den Slideshow gekommen ist, als ich in Joburg war.

    Gefunden habe ich euch über den Bildblog, der heute euere Reportage über die Nacht im Township Delft empfiehlt. :)

  4. Ali sagte am 23. Juni 2010 um 12:18 Uhr:

    Oh, und was mir noch einfällt: Südafrikanische Metzger sehen irgendwie alle gleich aus. Das Foto hätte so auch in einer beliebten Metzgerei in Johannesburg (Randburg) entstehen können. :D

  5. [...] sind Geschichten darüber, wie die Leidenschaft für Fußball die Südafrikaner eint und trennt. Wie die Weltmeisterschaft ein Glücksfall und eine ungeheure Belastung ist für dieses [...]

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