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Tag 25: Warum niemand Uli Hoeneß vermisst

29. Juni 2010

Erinnert sich jemand an Uli Hoeneß? Es war bei einer Ehrung im Münchner Rathaus im Januar, als der Präsident des FC Bayern München sagte, dass es eine der größten Fehlentscheidungen der Fifa gewesen sei, die WM nach Südafrika zu vergeben. Es habe aber keinen Sinn mehr, darüber zu lamentieren. „Man muss versuchen, das Beste daraus zu machen.“ Er werde selbstverständlich nicht nach Südafrika reisen. Hoeneß hat seine Ankündigung wahr gemacht. Doch so beliebt sein Verein bei vielen Südafrikanern auch sein mag: Ihn vermisst hier niemand. Ganz besonders nicht Elda Mohapi.

Elda ist eine Kollegin von Edison, auch sie arbeitet im Malaria-Forschungsprogramm, sie hat sich auf Moskitos spezialisiert. Im Erdgeschoss des Instituts gibt es eine Art Säuglingsstation, in der die Insekten gezüchtet werden, damit Elda und ihre Kollegen die Verbreitungswege von Malaria besser verstehen können. Im Norden richtet sie noch immer großen Schaden an, Infizierte sterben innerhalb einer Woche. Es sei ihr Ziel, die Malaria irgendwann in ganz Südafrika auszurotten, sagt sie. Die 36-Jährige kann lang und unterhaltsam über ihr Fachgebiet sprechen, Unterbrechungen duldet sie nur von sich selbst, wenn sie lachen muss. Und das passiert oft. Wenn sie allerdings auf die WM zu sprechen kommt, weicht die Herzlichkeit schnell aus ihrem Gesicht. Schuld daran sind Männer wie Ulli Hoeneß.

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„Wir waren ziemlich geschockt, als wir die Meldungen darüber gehört haben, dass die Leute nicht glauben, dass wir diese WM ausrichten können. Aber es gibt eine besondere südafrikanische Haltung: Südafrikaner sind sehr optimistisch. Du kannst es dir nicht erlauben, kein Optimist zu sein, wenn du einen Anführer hast wie Nelson Mandela. Jeder hier ist optimistisch. Wir glauben, dass wir alles schaffen, was wir uns vornehmen. Also haben wir einfach weitergemacht. Und dann hatten wir die WM. Jeder Südafrikaner ist stolz, wir haben der Welt gezeigt, dass wir Wettbewerbe von dieser Größe ausrichten können. Wir haben hier jede Menge fähiger Leute, wir haben eine Menge optimistischer Menschen im ganzen Land, die glücklich sind und heiter. Und wir werden diese WM bis zum Ende feiern, denn für uns war das die Nummer-Eins-Herausforderung: Gastgeber einer erfolgreichen WM zu sein.“

Elda gehört zu einer Generation, auf deren Schultern die Zukunft dieses Landes liegt, so pathetisch das auch klingt. Als Nelson Mandela zum Präsidenten Südafrikas gewählt wurde, war sie 20 Jahre alt. Sie hat studiert und ihre Heimatstadt Polokwane verlassen, um Wissenschaftlerin zu werden. Damit ist sie Teil des intellektuellen Rückgrats Südafrikas. Es wird in den kommenden Jahren auf Menschen wie sie ankommen, aus dem Geist, den die WM erzeugt hat, etwas zu erschaffen, von dem nicht nur Südafrika profitieren wird, sondern der ganze Kontinent. Südafrika sei es gelungen, die Wahrnehmung von Afrika zu verändern, sagt sie. Und jetzt gelte es, diesen Schwung mit in die Herausforderungen der kommenden Jahre zu nehmen.

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„Die Demokratie des Südafrika, wie wir es heute kennen, steckt jetzt in der Pubertät, sie ist 16 Jahre alt. Und wir wissen, wie Teenager sind: Sie sind rebellisch, verhalten sich nicht konform und vorhersehbar. Unser Land geht jetzt durch eine Phase, in der es versucht, sich in der Freiheit wiederzufinden, die die Demokratie mit sich bringt. Deren Prinzipien sind jetzt installiert. Und unsere größte Herausforderung ist, diesen Prozess fortzusetzen. Denn wenn Südafrika das hinbekommt, wird der Rest des Kontinents folgen. Die Zukunft dieses Kontinents hängt an Südafrika. Wir müssen es schaffen, damit Afrika überleben wird.“

Elda ist eine ehrgeizige und stolze Frau, sie lässt keinen Zweifel daran, dass sie ihren Teil dazu beitragen wird, dass Südafrika zum Role-Model für den ganzen Kontinent werden kann. Doch es gehört auch zur Realität des Südafrika im Jahr 2010, dass sie für ihre Art zu leben, zu denken und zu arbeiten, auf einem anderen Gebiet die Quittung bekommt. Männer, erzählt sie, wollten keine Frau, die emanzipiert ist und für einen Job die Stadt wechselt. „Sie wollen Frauen, die zuhause bleiben und sich um den Haushalt kümmern, und es gibt nur wenige, die cool genug sind, die traditionellen Rollenmuster über Bord zu werfen.“ Elda hat von den Transformationsprozessen, die das Land bereits durchlaufen hat, genauso profitiert wie sie darunter zu leiden hat: Sie hat eine Karriere gemacht, die während der Apartheid nicht möglich gewesen wäre, zahlt dafür aber den Preis, dass sie keinen Mann findet, der sich auf eine so unabhängige Frau einlassen will.

Weil Elda möglichst vielen Menschen in Deutschland zeigen will, wie weit Südafrika auf seinem Weg schon gekommen ist, haben sie und Edison versprochen, uns auf eine Stadttour durch Durban mitzunehmen, die wir ausführlich dokumentieren werden. Für heute müssen deshalb ein paar Impressionen von einem Tag genügen, der uns weit weniger in Orange gewandete Fans bescherte, als wir erwartet hatten, dafür aber deutlich mehr Wind, als das Fanfest direkt am Meer vertragen konnte. Die Beachfront war deshalb während des Achtelfinales Niederlande gegen Slowakei leergeweht und der Vergnügungspark nebenan blinkte so tapfer wie vergeblich vor sich hin. Ist halt Winter.

PS: In unserer Facebook-Gruppe haben wir inzwischen mit einem kleinen Tusch das 300. Mitglied willkommen geheißen.

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8 Kommentare zu 'Tag 25: Warum niemand Uli Hoeneß vermisst'

  1. schnuckel sagte am 29. Juni 2010 um 13:10 Uhr:

    Und was macht eine erfolgreiche WM aus? Halbleere Stadien? Dreiviertel leere Plätze? Stimmung aus tausenden von Plastiktröten? Dass keiner umgebracht wird?

    Die WM in Südafrika ist die erste und die letzte auf dem afrikanischen Kontinent, dessen bin ich mir sicher. Der greise Funktionär hat sich sein Denkmal gesetzt, jetzt haben die Mohren ihre Schuldigkeit getan.

  2. Afropeter sagte am 29. Juni 2010 um 13:21 Uhr:

    Ich glaube der Grund, warum hier so wenige Leute kommentieren ist, dass es dem Geschriebenen einfach nicht viel hinzuzufügen gibt. Ein absolut großartiges Blog. Danke euch Beiden, danke an alle die irgendwie mitwirken und mitgewirkt haben und danke an Stefan Niggemeier fürs aufmerksam machen.

  3. kaischaechtele sagte am 29. Juni 2010 um 18:17 Uhr:

    Schnuckel, eine erfolgreiche WM macht aus, dass sie einfach läuft, ohne dass man darum großes Aufhebens machen müsste. Es ist einfach eine ganz normale WM geworden, und nach den Mutmaßungen der Vergangenheit ist das durchaus eine Nachricht. Wenn man allerdings den Sound der Vuvuzela als Nachweis einer misslungenen Veranstaltungen anführen möchte, kann man auch Wimbledon als Misserfolg werten, wenns regnet.

  4. Veronika sagte am 29. Juni 2010 um 18:22 Uhr:

    Was für ein toller, sympathischer, rührender Blog. Was für eine wunderbare Idee. Dafür liebe ich das Internet. Danke!

  5. the modern leper sagte am 29. Juni 2010 um 21:48 Uhr:

    @schnuckel: kompletter blödsinn.

    zu ihrem ersten argument: die halbleeren stadien. Ich glaube das hat eher eine agentur namens match (infront), ansässig in der schweiz, in den sand gesetzt: http://wissen.dradio.de/index.33.de.html?dram:article_id=3326&sid=

    zum zweiten: die dreiviertelleeren plätze. Schon einmal auf die idee gekommen, dass es auch andere wege gibt, einem fußballspiel zu folgen, als auf einem kommerziell durchorganisierten “fanfest”? Fußball-Fankultur besteht nicht immer nur aus grölenden biersaufenden menschenmengen. Begeisterung und interesse kann man auch anders ausdrücken. Und es muss nicht immer gleich ein ganzes land kopf stehen, nur weil grad fußball-wm ist. Die menschen in südafrika haben mit sicherheit jeden tag noch ein paar probleme mehr, um die sie sich grad gedanken machen müssen.

    zum dritten: vuvuzela-”lärm”. Das schließt sich an die replik auf zweitens an. Es ist eine andere Fankultur, wenn dir das nicht gefällt, okay. Aber das als kriterium für eine gelungene wm zu herzunehmen? Hmm, äh, nein.

    zum vierten: Niemand wurde umgebracht. Das ist doch mal ein argument. Trotz aller befürchtungen im vorfeld ist die sicherheitssituation – soweit ich das beurteilen kann (ich glaub bei den Griechen wurde mal eingebrochen und mehrere spieler um ein paar euro erleichtert, na ja, okay) – doch nicht so gefährlich. Die wm läuft reibungslos ab, und darum geht’s doch.

    Es wird sicher wieder eine wm in afrika geben, dessen bin ich mir sicher. Die “mohren” haben ihre schuldigkeit noch lange nicht getan, sondern ihre fähigkeit bewiesen.

    P.S.: Wirklich toller blog, eine schöne geschichte, die ihr heute wieder erzählt.

  6. schnuckel sagte am 30. Juni 2010 um 10:12 Uhr:

    @the modern leper

    Mit dieser Argumentation wäre JEDE Fußball-WM als gelungen zu bezeichnen, weil ja die Menschen in JEDEM Land Fußball so feiern, wie sie wollen, und es gäbe keinerlei Grundlage für irgendeine Diskussion.

    Ich finde die Atmosphäre dort befremdlich, weil nicht “echt” wirkend – ähnlich übrigens wie die Stimmung während des so oft benannten Sommermärchens in Deutschland. Schon das war keins, es sei denn man empfindet ahnungslose Jubelkasper in Fanverkleidung und alkoholinduzierten Schwarz-Rot-Geil-Rausch als märchenhaft.

    Ebensowenig märchenhaft ist das Getröte, die Folklore, das Farbenfrohe, das es dann eben doch nicht schafft, die Probleme dieses zutiefst zerrissenen Landes zu übertönen und zu übertünchen.

    Zum Schluss: Welchem anderen afrikanischen Land trauen sie denn so ein Turnier zu. Mit “afrikanisch” meine ich nicht “auf dem afrikanischen Kontinent liegend”, sondern “dem afrikanischen Kulturkreis zugehörig” und “sich selbst als Afrika wahrnehmend”: kein Ägypten, kein Algerien, Libyen, Tunesien, Marokko.

  7. [...] wir aber noch die neue Folge unserer Ton-Bild-Reportagen über das Herz von Durban präsentieren. Elda und Edison, die beiden Maleria-Forscher, hatten versprochen, uns den Ort zu zeigen, der uns spüren [...]

  8. Ali sagte am 4. Juli 2010 um 22:37 Uhr:

    Ich finde die Atmosphäre dort befremdlich, weil nicht “echt” wirkend – ähnlich übrigens wie die Stimmung während des so oft benannten Sommermärchens in Deutschland. Schon das war keins, es sei denn man empfindet ahnungslose Jubelkasper in Fanverkleidung und alkoholinduzierten Schwarz-Rot-Geil-Rausch als märchenhaft.

    Ist ja toll für dich, Schnuckl, dass du die Atmosphäre nicht echt findest. Das muss für andere aber nicht ebenso gelten. Was ist denn für dich bitte eine echte Atmosphäre?

    Zum Schluss: Welchem anderen afrikanischen Land trauen sie denn so ein Turnier zu. Mit “afrikanisch” meine ich nicht “auf dem afrikanischen Kontinent liegend”, sondern “dem afrikanischen Kulturkreis zugehörig” und “sich selbst als Afrika wahrnehmend”: kein Ägypten, kein Algerien, Libyen, Tunesien, Marokko.

    So so, es gibt «einen»afrikanischen Kulturkreis??? Ist ja interessant zu erfahren. Ich glaube ja eher, dass du es auch Südafrika nicht zugetraut hättest, wie man ja im ersten Kommentar ein wenig rauslesen kann. Weitere Interpretationen erspare ich mir an dieser Stelle.

    Ganz nebenbei finde ich es schon einen Erfolg, dass die WM nicht von Morden an Touristen überschattet wird. In einem Land, in dem jährlich 18.000 Menschen getötet werden, ist das ein Erfolg. Egal, wie sehr du ihn kleinreden magst.

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