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Tag 29: WM, Aids, Afrika

3. Juli 2010

Wenn am 11. Juli in Johannesburg das Finale angepfiffen wird, werden seit WM-Beginn allein in Südafrika 22 000 Menschen an Aids gestorben sein. Das sind mehr als 700 pro Tag: Mütter und Väter, die ihre Kinder zu Waisen machen, Söhne und Töchter, die ihre Eltern in düsterer Trauer zurücklassen. In Deutschland ist der HI-Virus inzwischen weitgehend aus der öffentlichen Wahrnehmung gerutscht. Im südlichen Afrika gehört die Seuche zum Leben wie die täglich aufgehende Sonne, sie zieht nach wie vor tiefe Furchen durch die Gesellschaft. Der deutsche Pfarrer Stefan Hippler, der in Kapstadt eine Hilfsorganisation aufgebaut hat, hat gemeinsam mit dem Zeit-Korrespondenten Bartholomäus Grill ein eindrucksvolles Buch darüber geschrieben: „Gott, Aids, Afrika“. Lest dieses Buch, auch wenn es schon im November 2008 erschienen ist, hat es nichts von seiner Bedeutung verloren! Weil die internationale Staatengemeinschaft angekündigt hat, die Gelder für die Behandlung Infizierter trotzdem zurückzufahren, hat die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ am Samstag ihr eigenes Fußballturnier veranstaltet, auf einem staubigen Feld mitten in Johannesburg – zwischen Miriam Makeba Street, deren Graffiti-Porträt überlebensgroß an eine Hauswand gesprüht ist, und dem Highway, der zum Soccer-City-Stadion führt. Vom Glamour zuckersüßen Coca Cola-Glücks hätte dieses Turnier kaum weiter entfernt sein können.

Auf dem Feld standen Mannschaften aus Kapstadt, Simbabwe und Mosambik. Männer und Frauen, manche mit abgemagerten Beinen und eingefallenen Gesichtern, andere dagegen so vital und mit Ernst bei der Sache, dass niemand auf die Idee hätte kommen können, dass jede Mannschaft einen unsichtbaren Mitspieler auf dem Platz hatte: den Virus. Überschrieben war das Turnier mit dem Titel „Halftime“, seine Botschaft lautete: Es ist erst die Hälfte dessen erreicht, was die internationale Gemeinschaft versprochen hat. Vier Millionen Menschen haben inzwischen weltweit Zugang zu einer antiretroviralen Therapie, die ihnen nicht nur ein menschenwürdiges Leben ermöglicht, sondern überhaupt: ein Leben. Über neun Millionen bleibt dies bislang jedoch noch verwehrt. Mit dem Turnier wollen „Ärzte ohne Grenzen“ dagegen protestieren, gerade jetzt die Fördergelder zu reduzieren. „Es käme doch niemand auf die Idee, die WM vor den Halbfinal-Spielen abzubrechen“, sagte uns Gilles van Cutsem, der ein Ärzte ohne Grenzen-Projekt in Khayelitsha koordiniert, dem größten Township von Kapstadt. Wir haben außerdem Nokhwezi Hoboyi kennengelernt, eine junge Frau, die seit zwölf Jahren infiziert ist und schon zwei Kinder wegen AIDS verloren hat. Sie gehört zur Organisation „Treatment Action Campaign“ (TAC), die sich vor über zehn Jahren gegründet hat mit dem Ziel, die Politiker mit allem Nachdruck an ihre Verantwortung zu erinnern. Was sie zu sagen hat, werden wir hier bald in einer Ton-Bild-Reportage dokumentieren.

Und dann lief uns Tabelo über den Weg und hat uns demonstriert, dass Pillen allein nicht helfen werden, der Seuche Herr zu werden. Dies ist seine Geschichte:

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„Ja, ich bin positiv, seit zwölf Jahren. Ich weiß nicht, wie ich infiziert wurde. Ich bin ins Krankenhaus gegangen und habe dort erfahren, dass ich HIV-positiv bin. Weißt Du, wir hatten davor keine Informationen über solche Dinge. Kondome und sowas. Wir haben es einfach gemacht. Selbst heute, wo wir wissen, dass wir Kondome benutzen müssen, tun wir das nicht. Wir vergessen es. Und wir mögen sie nicht. Weil man damit nicht das Gefühl hat, Sex zu haben. Wir wissen, dass es eine Gefahr gibt. Deshalb bitten wir TAC, die Leute über HIV zu unterrichten. Denn in den Squatter-Camps haben die Leute keine Vorstellung davon, was da passiert. Auf dem Land wissen die Leute nicht, was passiert. Deshalb sterben sie.“

Es ist nicht nur die Weigerung, Kondome zu benutzen, die einen ratlos macht. Es ist auch Tabelos Überzeugung, dass der Virus mit der antiretroviralen Behandlung komplett besiegt werden könne. Der Kampf gegen die Seuche ist nicht nur einer um Medikamente und Geld – es ist auch einer um das Wissen der Menschen, und der wird noch schwieriger zu gewinnen sein.

Man kann der Fifa nicht nachsagen, dass sie sich nicht auch dieses Themas angenommen hätte, sie tut es allerdings nur dort, wo die Weltöffentlichkeit nicht hinsehen kann: auf dem Klo. Wir haben uns das unfassbare Spiel zwischen Ghana und Uruguay live im Stadion angesehen (Was soll man über diese Ungerechtigkeit noch sagen? Schweigend sind wir nach dem letzten Elfmeter durch die Winternacht zu unserem Auto spaziert, vorbei an in die Bäume gehängten Leuchtgirlanden, die nach diesem Spiel nur noch trister gewirkt haben.). Auf den Toiletten des Stadions standen Schachteln mit Päckchen, die auf den ersten Blick aussahen wie in Plastikfolie eingeschweißte Reinigungstücher. Darin waren aber je vier Kondome. Die Geste mag gut gemeint sein. Nur: Warum nutzt die Fifa die WM-Bühne, um Mannschaftskapitäne vor Spielbeginn zum Kampf gegen Rassismus aufrufen zu lassen – und nicht, um ein eindrucksvolles Zeichen dafür zu setzen, dass auch der Kampf gegen HIV die ganze Welt angeht? Die erste WM auf afrikanischem Boden geht in einer Woche zu Ende – was für eine vergebene Chance.

Und noch ein Tipp für alle Berliner: Auch die deutsche Sektion der „Ärzte ohne Grenzen“ ruft die “Halftime” aus und zeigt am 9. Juli im WM-Klub Tante Käthe den Film „Positive Ladies Soccer Club“.

Ein Update in eigener Sache: Auf unserem Unterstützer-Konto haben wir inzwischen die 1000-Euro-Schallmauer unterbrochen. Vielen Dank allen, denen unsere Geschichten aus Südafrika so wertvoll waren, dass sie dafür ihren eigenen Beitrag geleistet haben. Und unsere Facebook-Gruppe ist inzwischen auf exakt 400 Mitglieder angewachsen.

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2 Kommentare zu 'Tag 29: WM, Aids, Afrika'

  1. Ali sagte am 3. Juli 2010 um 23:02 Uhr:

    Das Problem sind ja darüber hinaus auch noch die extrem rückständigen Ansichten. Einerseits hält sich wacker die Überzeugung, man könne seinen Körper durch den Austausch von Körpersekreten reinigen, was ja Kondome verhindern würden. Andererseits wird ja auch die katholische Kirche nicht müde, den Gebrauch von Kondomen zu verdammen. Und wenn ich an die Kommentare des heutigen Präsidenten Jacob Zumas denke, der damals in seinem Vergewaltigungsprozess aussagte, er habe sich nach dem Sex mit einer HIV-positiven Frau geduscht, um das Ansteckungsrisiko zu minimieren, dann wird mir schlecht. Dieser Kommentar brachte ihm übrigens den Duschkopf durch den südafrikanischen Cartoonisten Zaprio ein.

  2. [...] dass alle Infizierten Zugang zu diesen Medikamenten bekommen, und schloss sich der TAC ein. Bei dem von der südafrikanischen Sektion von „Medecins sans Frontieres“ organisierten Fußballt… hielt sie eine leidenschaftliche Rede, die wir hier [...]

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