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Abflug: Das bleibt

16. Juli 2010

„Das ist nicht das Ende – es ist erst der Anfang“: Mit diesen Worten hat der südafrikanische Präsident Jacob Zuma am Montag nachmittag seine Rede beschlossen, in der er die Bilanz der zurückliegenden vier Wochen gezogen und diese WM nach allen Regeln politischer Kunst in den Dienst seiner eigenen Regierungsarbeit gestellt hatte: Südafrika ist auf einem guten Weg, von der Erinnerung an diese WM wird das Land noch lange zehren können, all die Stadien sind Stein gewordene Nachweise der Leistungsfähigkeit der südafrikanischen Bevölkerung, jeder einzelne Rand ist sinnvoll investiert worden. Wenn es jedoch nach dem Wunsch von Ben von Heynitz geht, sollte für Zuma persönlich das Gegenteil gelten: Seine Präsidentschaft, die erst im vergangenen November begonnen hat, möge bitte bald wieder zu Ende gehen. So sehr sich der 70-Jährige auch darüber freut, dass die Südafrikaner mit dieser erfolgreich über die Bühne gegangenen WM gezeigt haben, mit den großen Industrienationen Schritt halten zu können, so sehr verkörpert Zuma für ihn das Risiko, dass das Land auf halber Strecke stehen bleiben könnte.

Von Heynitz gehört zu der Bevölkerungsgruppe Südafrikas, die sich in den vergangenen Jahrzehnten einen ansehnlichen Wohlstand erarbeitet hat. Vor 43 Jahren flog er von Deutschland nach Südafrika, kaufte sich für 300 Mark einen VW-Käfer, verliebte sich in die Südafrikanerin Sheila und blieb. Er begann, seine eigene Firma aufzubauen, „Carpet Brokers“ ist heute der drittgrößte Teppich-Großhändler Südafrikas, von Heynitz versorgt das ganze Land mit Teppichen, Laminaten und Fußböden. Die letzten Tage unserer Reise sind wir bei ihm und seiner Familie untergekommen und haben damit zum Schluss Einblick in den Teil Südafrikas bekommen, von dem wir bislang nur die hohen Mauern gesehen hatten, hinter denen sich Häuser, Gärten und bellende Hunde verstecken.

Im Verlauf unserer sechswöchigen Reise haben wir erlebt, wie unterschiedlich die einzelnen Bevölkerungsgruppen leben und denken und wie sehr ihre Häuser diese Unterschiedlichkeit symbolisieren. Wir haben Zola Williams im Kapstädter Township Delft getroffen, für den sein eigenes Haus die Erfüllung seines größten Wunsches war und die Voraussetzung für ein menschenwürdiges Leben. Wir saßen bei Gladys und Sylvester Mahlangu auf dem Sofa, die uns erzählt haben, was es für sie bedeutet, inzwischen in einem Haus leben zu können, das in einem Stadtteil in Johannesburg liegt, zu dem Schwarze zu Apartheidszeiten keinen Zutritt hatten. Ihre Häuser markieren jeweils eine durchweg positive Entwicklung. Bei Familie von Heynitz ist es auf gewisse Weise genau umgekehrt: Sie lebt seit langer Zeit in ihrer Villa, zu der ein Pool genauso gehört wie das Gartenhaus, in dem wir gewohnt haben. Dass sich die Zeiten in Südafrika geändert haben, merkt sie daran, dass manchmal der Strom für ein paar Tage ausfällt. Schuld daran trage der ANC (African National Congress), der bewiesen habe, dass er nicht in der Lage sei, das Land ordentlich zu führen, sagt Ben von Heynitz, und das werde dazu führen, dass der ANC, den Jacob Zuma anführt, seinen Rückhalt in der Bevölkerung einbüßen werde.

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„Ich denke, dass der ANC immer weiter an Unterstützung verlieren wird. Einfach, weil sie nicht gezeigt haben, dass sie die Basisversorgung des Landes sicherstellen können, Wasser, Strom, die Bereitstellung von Häusern zu einem gewissen Grad, Arbeitsplätze. Ich würde sagen, dass das Arbeitsrecht in vielen Fällen zu starr ist. Firmen stellen lieber niemanden auf die Schnelle ein, was notwendig wäre, weil die Bevölkerung immer weiter zunimmt. Viele Menschen kommen hierher, aus Nigeria, Mosambik, Malawi, aus allen Ländern nördlich von uns. Sie wollen alle hierher kommen. Es heißt, dass 45 bis 50 Millionen Menschen hier leben. Ich schätze, dass allein sechs Millionen aus Simbabwe wegen Robert Mugabes katastrophaler Politik hierher gekommen sind. Unsere Bevölkerungszahl muss zwischen 60 und 62 Millionen Menschen liegen, was uns fast genauso groß wie Deutschland macht. Das schafft viele Bedürfnisse: Nahrung, Häuser, Straßen. Das ist nicht schlecht für unsere Wirtschaft. Ich bin sehr optimistisch, was unsere Zukunft angeht.“

Für von Heynitz repräsentiert Jacob Zuma all das, was in Südafrika im Argen liegt: Die Eliten des ANC kümmerten sich mehr darum, sich selbst und ihre Angehörigen zu bereichern, Korruption zersetze die Wirtschaft und das öffentliche Leben. Es würde aber nicht zu von Heynitz´ Wesen passen, sich davon seinen Optimismus zersetzen lassen. Er ist Unternehmer durch und durch, noch heute sitzt er jeden Morgen um sieben im Büro und arbeitet daran, sein Unternehmen in einem gesunden Zustand an seine Söhne weitergeben zu können. Eine seiner neuen Ideen ist, im sächsischen Meerane demnächst ein Südafrika-Haus zu eröffnen, das sich irgendwann zu einem Standbein in seiner alten Heimat entwickeln soll. Er habe sich an das Auf und Ab gewöhnt, in seinem eigenen Unternehmen genauso wie in dem Land, in dem er sesshaft geworden ist, trotz aller Schwierigkeiten, die bis heute überdauert haben.

In Südafrika gibt elf verschiedene Landessprachen, und man hat mitunter den Eindruck, dass hier elf verschiedene Völker in den Grenzen eines Landes leben, die nicht mehr miteinander gemeinsam haben als die Landesflagge. Dass Südafrika irgendwann ein Land sein wird mit einer homogenen Bevölkerungsstruktur, wird eine Utopie bleiben. Auch die Weltmeisterschaft wird daran nichts ändern, so sehr die Menschen hier die nationale Einheit beschworen haben, wenn sie gemeinsam vor einer Leinwand standen. Aus Südafrika wird nie ein demokratischer Staat nach europäischem Vorbild werden. Eher wird Südafrika der Modellstaat für eine afrikanische Demokratie, die die Aufgabe hat, das Erbe der Kolonialisierung mit der Gegenwart zu versöhen.

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„Wir werden nie so werden wie eine europäische Demokratie, weil wir eine so unterschiedliche Bevölkerungsstruktur haben. Aber die Basisregeln der Demokratie sind installiert, wir können die Politik des Landes dadurch verändern, dass die Bevölkerung anders wählt. Das hat unter anderem dazu geführt, dass der ANC, der über eine absolute Mehrheit verfügt hat, diese bei der letzten Wahl schon nicht mehr erreicht hat. Neue Partien sind entstanden, und ich erwarte, dass es nach der nächsten Wahl in vier Jahren eine viel stärkere Opposition geben wird. Außerdem glauben wir, dass nach den Regionalwahlen im kommenden Jahr, nachdem der ANC Kapstadt und die Western Cape-Provinz bereits verloren hat, auch andere Provinzen und Städte nicht länger in der Hand des ANC bleiben werden. Und deshalb wird Südafrika eine neue Richtung einschlagen.“

Dass es zum Besten Südafrikas wäre, wenn der ANC seine Macht über das Land verlöre, ist eine Sicht, die nur ein paar Kilometer weiter bei Familie Mahlangu erbitterten Protest auslösen würde. Für sie ist Jacob Zuma nicht derjenige, der das Land ruiniert, sondern der, der das Erbe Nelson Mandelas weiterträgt. So steht am Ende unserer sechswöchigen Reise die Erkenntnis, dass Südafrika noch lange brauchen wird, um zu einer gesunden Gesellschaft zu werden, in der die Menschen unabhängig von ihrer Hautfarbe die einigermaßen gleichen Chancen auf ein Leben in materieller und persönlicher Freiheit haben. Doch diese WM war zugleich der Beginn einer Entwicklung wie das Ende einer anderen: Südafrika trägt seine Kämpfe heute in politischen Debatten aus und nicht in blutigen Kämpfen. In Deutschland ist das eine Selbstverständlichkeit, in Südafrika ist es noch immer, sechzehn Jahre nach der Wahl Nelson Mandelas zum ersten schwarzen Präsidenten Südafrikas, etwas, worauf Menschen wie Ben von Heynitz, Zola Williams und Gladys und Sylvester Mahlangu gleichermaßen stolz sind.

Der Geist dieser WM wird bald verflogen sein, doch der Stolz darauf, dass Südafrika in den letzten eineinhalb Jahrzehnten Strukturen geschaffen hat, die sie erst möglich gemacht haben – der wird bleiben.

In eigener Sache: Dies ist der letzte Beitrag aus Südafrika. Heute abend steigen Frey& Schächtele ins Flugzeug, das uns zurück nach Europa bringt. Wir danken sehr für die Aufmerksamkeit in den vergangenen sechs Wochen. Bis zum nächsten Mal, wann auch immer das sein wird.

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7 Kommentare zu 'Abflug: Das bleibt'

  1. Ali sagte am 16. Juli 2010 um 11:01 Uhr:

    In welchem Park seid ihr auf dem letzten Foto gewesen? Pilanesberg? Oder wo? ^^

  2. Felix sagte am 16. Juli 2010 um 12:06 Uhr:

    Danke, Jungs, Ihr habt tolle Geschichten gemacht und mir das Land, dessen Stadien ich in den vergangenen Wochen so oft im Fernsehen gesehen habe, und die Leute dort sehr viel näher gebracht. Guten Rückflug und auf bald, Felix

    trööööt

    (habt Ihr sie gehört, diese Vuvuzela voller Wehmut?)

  3. kaischaechtele sagte am 16. Juli 2010 um 12:33 Uhr:

    Ja, Ali, da waren wir. Wir haben den Park aber in Pilatesberg umbenannt, weil er ob seiner Groesse und seines Publikums ja eher ein Open Air-Zoo ist als ein echtes Game Reserve.

  4. kaischaechtele sagte am 16. Juli 2010 um 12:35 Uhr:

    Lieber Felix, vielen Dank. Wir troeten zurueck, wenn wir wieder in Deutschland sind. Wir haben Vuvuzelas in jeder Groesse im Gepaeck.

  5. Ali sagte am 3. August 2010 um 19:01 Uhr:

    Hallo ihr beiden!

    Wollten ihr nicht noch mal eine Zusammenstellung der tollsten, besten und schönsten Fotos präsentieren?? :) *ungeduldig wart*

  6. kaischaechtele sagte am 6. August 2010 um 20:33 Uhr:

    Hallo Ali, wir arbeiten dran. Aber uns hat der Arbeitsalltag nach unserer Rückkehr schneller eingeholt, als wir “Hach, war et schön jewesen” sagen konnten. Aber sobald das Ding fertig ist, bekommst Du einen gesonderten Hinweis. Herzlichen Gruß aus Berlin, Kai

  7. Ali sagte am 7. August 2010 um 21:20 Uhr:

    Cool, ick freu mir. :)

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